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Macht und sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche

Das Gutachten der Historikerkommission über die Vorkommnisse im Bistum Münster liegt nun vor. Der Leiter des KBW hat es gelesen. Hier der Kommentar:

Die Autorin und die Autoren haben gute Arbeit geleistet, und das so genannte Hellfeld des Versagens aufgeführt. Das allein ist richtig ekelig. Ich bin angewidert von dem, was dort beschrieben wird. Es muss aber sein, die Dinge schonungslos beim Namen zu nennen, und nicht länger wegzusehen. Die Vertuschung hat schon viel zu lange stattgefunden. Ich bin Teil dieses Systems und vom Machtmissbrauch ebenfalls betroffen, vom sexuellen Missbrauch zum Glück nicht. Zum Glück sage ich, weil die Spur des Missbrauchs nahe an mir vorbeigelaufen ist, an mehreren Stellen in meiner Lebensgeschichte. Und weil es es so nah war, habe ich dem Bischof Dr. Felix Genn am 23.12.19 eine Rücktrittsaufforderung geschickt, in einem zugegeben barschen Ton, für den ich mich später nach einen Gespräch mit dem Generalvikar Dr. Winterkamp und dem Personalchef des Generalvikariats, Herrn Schaden, beim Bischof entschuldigt habe. in der Sache fühle ich mich nach dem Gespräch und erst recht durch das jetzige Guachten voll bestätigt. Im Amtsblatt vom 1.12.2019 hatte der Bischof mehrere Priester in den Ruhestand versetzt, nach Missbrauchsvorwürfen, unter anderem einen früheren Kaplan meiner Heimatgemeinde, in dessen Kaplanszeit meine ersten Schritte als Messdiener fielen. Er war Nachfolger eines inzwischen bereits verstorbenenen Priesters, der später wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt wurde. Beide haben mir zwar nichts persönlich angetan, aber der entsprechende Kaplan hat 1970 und 1971 im Messdienerzeltlager meiner Heimatgemeinde das so genannte "Wässern" geduldet oder sogar mit veranstaltet. Bei diesem Wässern wurden in der letzten Lagernacht 10 bis 14-jährige Jungs mit Gewalt aus dem Zelt gezerrt, bis auf die Unterhose ausgezogen, und in der Waschrinne mit kalten Wasser abgespritzt, offiziell als Strafe für ungebührliches Verhalten im Ferienlager. Die Gruppenleiter machten sich einen Spaß draus, aber es war natürlich ein echter Machtmissbrauch. Eine sexuelle Dimension hat sich mir damals nicht erschlossen, und war auch wohl nicht dabei. 1972 - da war der Kaplan nicht mehr da, unterblieb dieses Wässern. Dafür gab es einen handfesten Krach zwischen Gruppenleitern, die daran festhielten, und dem neuen Kaplan, der aus Fürsorge für die Kinder das Lager 3 Tage eher beendete, auch wegen des schlechten Wetters. Der Name dieses Kaplans findet sich an vielen Stellen der Studie. Die Studie beschreibt auch, dass Dr. Genn mit diesem ebenfalls promovierten Theologen nicht ganz klar kam. Ihm ist jedoch die gute Arbeit der Missbrauchskommission zu Beginn zu verdanken, wenn er auch strukturell dort falsch platziert war. Als Funktionsträger in der Priesterausbildung ist die Nähe zu den Beschuldigten zu groß.

Viele weitere in der Studie genannten Personen sind mir persönlich bekannt, von den Beschuldigten, auch wenn sie pseudonymisiert sind, von den Vertuschern, nicht von den Betroffenen. Das Verhalten einzelner Weihbischöfe, von Bischof Lettmann, aber auch vom Personalchef seiner Zeit, macht mich richtig wütend.

Dem jetzigen Bischof ist vorzuwerfen, ohne eigenes Engagement lediglich aufgrund der drohenden Medienschelte aktiv geworden zu sein, manchmal auch, ohne die Stimmen von Beratern zu berücksichtigen. So machen die Bischöfe ihre eigenen Aufklärungsregeln, bis 2019 an den zuständigen arbeitsrechtlichen Kommissionen vorbei. Das ist im eigenen Denken so drin, dass sie die Macht haben und nicht teilen können. Als langjähriger Mandatsträger in arbeitsrechtlichen Kommissionen weiß ich, wie mühsam die Arbeit mit Kirchenvertretern ist, die nur rein hierarchisch denken können. Langsam, nicht freiwillig, sondern auf Druck von Medien, Arbeitsgerichten, steigenden Kirchenaustritten und inzwischen auch schwindenden Rückhalt in den Kirchengemeinden ändert sich dies. Genau dies hat die Studie jetzt sauber erfasst und betont, dass es außerkirchliche Strukturen braucht, um alles aufarbeiten zu können.

Auch ich bin Teil des Systems und muss mich fragen lassen, wie sehr ich den Machtapparat Kirche stütze, der diesen Missbrauch jahrzehntelang (oder schon viel länger?) verdeckt, vertuscht, gefördert, ermöglicht hat.

Seit 2013 bin ich Schulungsreferent für Präventionsschulungen zur Vorbeugung sexuellen Missbrauchs. Diese Schulungen sind ein wichtiger Teil des Schutzes von Kindern und Personen, die selbst auf Betreuung angewiesen sind.

Das System Kirche benötigt aber viel mehr: eine Absage an den Klerikalismus in jeder Form, eine Demokratisierung der Leitungsstrukturen, Wahlen auf Zeit statt Berufungen auf Dauer, eine Altersbegrenzung im Sinne der Regelaltersgrenze auch für Kleriker. Was wir aber im wesentlichen brauchen ist, eine Abschaffung des herkömmlichen Priestertums und eine Änderung der Sakramententheologie. Erst sollte eine Person unabhängig von Geschlecht und Lebensstand von einer Gemeinde gewählt werden. Der zweite Schritt ist die Weihe auf Zeit, die sich auf den Wahlzeitraum bezieht. Schaffen wir diese Schritte nicht, wird die Kirche in dieser Zeit (ab)geschafft. Die vergangene Durchführung der vielen Fusionen und die jetzige nächste Strukturreform der pastoralen Räume ist dasselbe, wie wenn ich einen zu kleinen Pizzateig immer dünner rolle und weiter ziehe. Am Ende ist er löchrig, nicht zu belegen und hart und verbrannt.

Die Studie hat sehr schön herausgestellt, dass das jetzige System Kirche so nicht bleiben darf, dass noch viele Änderungen der Machtstruktur nötig sind. Dafür gebührt den Machern großes Lob.

Ihr Franz-Josef Plesker