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Kurs-Info

Sterben.helfen

Das Urteil des BVerfG vom 26.02.2020 zum § 217 StGB, (AZ 2 BvR 2347/15) Studientag

Ins Herz getroffen: Die Liebe zum Leben hat Grenzen – so lässt es zumindest das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 26.02.2020 zu § 217 (StGB), (AZ 2 BvR 2347/15) vermuten: Jeder Mensch hat das Recht, seinem Leben ein Ende zu setzen und dabei die Hilfe anderer in Anspruch zu nehmen. Dieses Recht ist nicht auf schwere unheilhabe Krankheiten beschränkt, sondern bezieht sich auf jede Lebenssituation. Freiheit und Selbstbestimmung des Einzelnen bilden das argumentative Fundament des Urteils. Verwiesen wird auf das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit des Einzelnen (Art. 2, Abs. 1), das das Recht auf selbstbestimmtes Sterben einschließt. Assistierter Suizid aber war seit 2015 verboten. Dieses Verbot wurde mit dem Urteil vom 26.02.2020 gekippt. Sterbehilfevereine begrüßen das Urteil, die Kirchen lehnen es ab. Sterbewillige aber haben neue Rechte, Angehörige und Pflegepersonal sind verunsichert. Auch Ärzte, deren Berufsethos es ist, Leben zu bewahren, stehen vor Herausforderungen. Mit Schreiben vom 23.06.2020 lehnt ein Bündnis katholischer Träger sozialer Einrichtungen Beihilfe zum Suizid in seinen Krankenhäusern und Altenheimen ab. Statt um Suizidbeihilfe ginge es um Suizidprävention – eindeutige rechtliche Rahmenbedingungen fehlen noch.
Veranstalter:
Ev. Erwachsenenbildung im Kirchenkreis Steinfurt-Coesfeld-Borken
Fachbereich Spiritualität im Kirchenkreis Steinfurt-Coesfeld-Borken
Kath. Bildungswerk Kreis Borken
Ev. und Kath. Kirchengemeinden Ahaus

Programm
9:00: Ankunft/Stehkaffee, Marienkirche Ahaus
9:30 Begrüßung, Grußworte Superintendent Joachim Anicker (Steinfurt) und Franz-Josef Plesker (für die kath. Kirchengemeinde Ahaus)
9.45: Statement Prof. Monika Bobbert
10:15: Statement Dr. Michael de Ridder
10:45: Statement: Wolfgang Putz
11:15: Pause
11.45 Statement: Anne Schneider
12:15: Statement: Dr. Nikolaus Schneider
13:00 Mittagessen
14:00: Workshops
15:30: Kaffee
16:00: Podiumsdiskussion
ca. 17:00: Ende der Veranstaltung

zu den ReferentInnen:
Prof. Dr. Monika Bobbert:
kath. Theologin, Sozialethikerin, Professorin für Moraltheologie der Kath. Fakultät der WWU Münster, Mitglied der Ethik-Kommission der Ärztekammer Westfalen-Lippe und der Westfälischen Wilhelms-Universität, Mitglied der Begleitgruppe zur Evaluation des Transplantationsgesetzes TxG, Bundesamt für Gesundheit BAG, Bern, Schweiz. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählt: Bio-, Medizin- und Pflegeethik, Autorin zahlreicher Publikationen, u.a. „Gute Begutachtung? Ethische Perspektiven der Evaluation von Ethikkommissionen zur medizinischen Forschung am Menschen“ (2019), „Ärztliches Urteilen bei entscheidungsunfähigen Schwerkranken. Geschichte – Theorie – Ethik“ (2012)

Wolfgang Putz:
Rechtsanwalt, Lehrbeauftragter für Medizinrecht und Medizinethik an der LMU München,
Sachverständiger von Ethikkommissionen (so z.B. der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages), Autor mehrerer Publikationen zum Medizinrecht, u.a. Patientenverfügung nach Vorgaben des BGH: Der komplizierte Wunsch zu sterben (2018).

Dr. Michael de Ridder:
Internist, Sterbegleiter, Mitbegründer des Hospizvereines Vivantes in Berlin,
Autor mehrerer Bücher zur Sterbekultur,
zuletzt erschien: Abschied vom Leben – Von der Patientenverfügung zur Palliativmedizin (2018).

Dr. Nikolaus Schneider: ev. Theologe, Pfarrer, Präses der Ev. Kirche im Rheinland 2003-2013, Ratsvorsitzender der EKD 2010-2014, Autor zahlreicher Publikationen, u.a. mit Hermann Gröhe im Gespräch mit Evelyn Finger „Und wenn ich nicht mehr leben möchte? Sterbehilfe in Deutschland“ (2015)

Anne Schneider: Ehefrau von Dr. Nikolaus Schneider. Aus ihren kontrastreichen Diskussionen mit ihrem Mann zur Inanspruchnahme von Sterbehilfe entstand das Buch „Vom Leben zum Sterben. Ein Ehepaar diskutiert über Sterbehilfe, Tod und Ewigkeit“ (2019).

Statements Referent*innen:

Prof. Dr. Monika Bobbert:
Thema: Wunsch nach Assistenz beim Suizid und die Anderen
Bei einem Wunsch nach assistiertem Suizid müssen die Anderen sich zum Recht auf Selbstbestimmung und zur Frage des Helfens verhalten. Die Voraussetzungen von Autonomie und die Möglichkeiten des Helfens sind dabei zentral. Was können und dürfen Außenstehende bewerten und tun?

Dr. Michael de Ridder:
Das bundesrepublikanische Gemeinwesen ist zwar christlich geprägt, dennoch versteht es sich als weltanschaulich neutral. Maßgeblich für alle Bürger ist nicht „Gottes Gebot“, sondern die Verfassung. In deren konsequenter Auslegung hat nun das Bundesverfassungsgericht (am 26.02.2020) auch die Suizidbeihilfe jedem Bürger grundsätzlich zugebilligt. Denn niemand - weder der Staat noch irgend- eine Religion noch die Ärzteschaft - hat das Recht, darüber zu befinden, was ein „richtiges“ oder „gutes“ Sterben ist. Allein dem einzelnen Menschen steht dies zu.
Dennoch bleibt die Suizidbeihilfe, die bei schwerstem Leiden auf humane Weise Selbstverfügung am Lebensende ermöglichen soll, auch nach der Entscheidung des Verfassungsgerichts ein ethisch unerlöstes Problem. Für manche/n Zeitgenossen/In mag das Wort „Selbstverfügung“ einen Geruch von Selbstherrlichkeit haben. Doch ist Selbstverfügung ein hohes und verfassungsrechtlich geschütztes Gut, das es nicht nur zu ertragen, sondern dann, wenn das Leiden übermächtig geworden ist, auch mitzutragen gilt: Der Zusammenhalt unserer Gesellschaft setzt Respekt vor dem Mitmenschen voraus, auch und gerade in der Anerkennung der Vorstellung seines eigenen Lebensendes. Mein Plädoyer: Diesem Respekt darf sich unsere Gesellschaft, zumal die Ärzteschaft, nicht verschließen.

Wolfgang Putz:
Das Bundesverfassungsgericht zum § 217 StGB: auch ein guter Zweck heiligt keine verfassungswidrigen Mittel
Mit seinem historischen Urteil hat das Bundesverfassungsgericht viel für den Schutz der Würde und des Selbstbestimmungsrechts des Einzelnen getan. Leider ist selten ein Urteil in der Öffentlichkeit derart missverstanden und zu Unrecht kritisiert worden.
Das Urteil bringt Rechtssicherheit für Ärzte, ambulante Palliativversorgung und Pflegeheim-, Krankenhaus- und Hospizmitarbeiter, die mit Sterbewünschen konfrontiert werden. Über Suizidwünsche kann und muss wieder offen gesprochen werden! Das Verfassungsgericht hat durch die Abschaffung des § 217 StGB keinen rechtsfreien Raum geschaffen, sondern die seit langem bestehende Rechtslage bestätigt und die geltenden Kriterien erläutert. Ist der Wunsch freiverantwortlich, wohlerwogen und nachhaltig, darf - es muss aber nicht -bei der Umsetzung geholfen werden. Ein freiwilliger Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit darf dann genauso begleitet werden wie ein Suizid durch aktives Handeln gegen das eigene Leben
Sollte der Gesetzgeber eine neue Regelung im Bereich der Suizidassistenz treffen wollen, muss er beachten, dass das Recht auf selbstbestimmtes Sterben in jeder Lebenssituation, unabhängig von Alter, Krankheit oder sonstigen Kriterien, besteht und die verbleibenden Optionen nicht - wie es bei § 217 StGB der Fall war - nur mehr eine theoretische, nicht aber tatsächliche Aussicht auf Selbstbestimmung am Lebensende bieten dürfen. Der Staat hat Grundrechte nicht zu dulden, sondern zu gewähren.

Ehepaar Schneider: Was erwarte ich im Streitfall Sterbehilfe von Theologie und Kirche und von unserem Staat?

Nikolaus Schneider: Theologie und Kirchen sollen die theologische Norm vertreten: Gott allein gebührt die absolute Macht über das Leben und Sterben eines Menschen. Dem Menschen steht es nach dem Gebot Gottes grundsätzlich nicht zu, sein Leben selbst zu beenden.
Theologie und Kirchen sollen sich deshalb theoretisch und praktisch für ‚Hilfe beim Sterben‘ statt für ‚Hilfe zum Sterben‘ einsetzen. Das grundsätzliche, normative theologisch-kirchliche Nein zum Suizid soll im konkreten Einzelfall jedoch Raum für barmherziges Verhalten offenhalten. Dazu gehören auch fachkundige Begleitung, Beratung und Hilfestellung, nicht aber Tötung auf Verlangen.
Für unseren Staat muss die lebensschützende Funktion gesetzlicher Regelungen die oberste Priorität haben. Selbsttötung und Beihilfe zur Selbsttötung dürfen deshalb auch für unseren demokratischen und pluralen Staat nicht als ‚normale‘ Verhaltensweisen gelten. Die Gesetzgebung zur Sterbehilfe soll den Respekt vor der Selbstbestimmung des Einzelnen zum Ausdruck bringen und schützen, alle Formen des Tötens aber nicht positiv regeln. Dabei dürfen Begleitung, Beratung und Hilfestellung im Rahmen des Vertrauensraumes Arzt/Patient nicht kriminalisiert werden.

Anne Schneider: Theologie und Kirchen sollen die dem Menschen in der Bibel zugesagte Gottebenbildlichkeit ernstnehmen und achten. Dem Menschen steht es aufgrund seiner Gottebenbildlichkeit grundsätzlich auch zu, seine eigene Sterbephase in Verantwortung vor Gott und Mitmenschen aktiv zu verkürzen.
Theologie und Kirchen sollen deshalb im Streitfall Sterbehilfe die Vielstimmigkeit und Widersprüchlichkeit möglicher Positionen von Christinnen und Christen akzeptieren und bezeugen.
Unser demokratischer Staat soll die Selbstbestimmung von Menschen für ihr Leben und Sterben fördern. Gesetzliche Regelungen müssen es respektieren, wenn Menschen aus guten Gründen ihr eigenes Leben beenden und dabei die fachkundige Hilfe von Ärzten, Apothekerinnen oder Sterbehilfevereinen in Anspruch nehmen wollen. Die gesetzlichen Regelungen zur Sterbehilfe dürften deshalb weder Ärztinnen und Ärzte noch seriöse Sterbehilfevereine und Suizid-Beratungsstellen kriminalisieren, wenn sie Suizidassistenz leisten.


Workshops

Workshop zum Thema: „Streitfall Sterbehilfe“ von Ehepaar Anne und Dr. Nikolaus Schneider
Titel: Ethisch-theologische Argumente im Streitfall Sterbehilfe
Ablaufplan:
1. Einführung in ethisch-theologische Argumente im „Streitfall Sterbehilfe“
Lesung aus unserem Buch „Vom Leben und Sterben“
2. Filmausschnitte aus „Das Meer in mir“
2.1. Gemeinsames Ansehen der Filmausschnitte
2.1. Gespräch über den Film mit einer abschließenden Fokussierung auf die Frage:
Impliziert ein lebensdienliches Gottvertrauen, dass Menschen ihren Todeszeitpunkt dem unverfügbaren Walten Gottes überlassen?
Eventuell zum Abschluss: Lesung aus dem Buch von D. Sölle „Mystik des Todes“

Workshop 2: Wolfgang Putz
Vorsorge mit Patientenverfu¨gung und Vorsorgevollmacht - wie denn nun am besten?
Urteile des Bundesgerichtshofs und zahllose selbsternannte Experten verunsichern die Verbraucher. Wie genau muss denn gute Vorsorge formuliert werden? Ist 'Mehr' wirklich besser? Was ist der Unterschied zur "Gesundheitlichen Vorausplanung" (Advanced Care Planing)?

Workshop 3: Dr. Michael de Ridder
Palliativmedizin und Suizidbeihilfe
Beide sind kein Gegensatz; sie verhalten sich vielmehr komplementär zueinander: In gewissen Leidenssituationen kann ärztliche Suizidbeihilfe zu einer äußersten Maßnahme palliativmedizinischer Hilfeleistung werden. Unter Umständen ist Suizidbeihilfe nicht nur gerechtfertigt, sondern sogar geboten.
Eine Vertiefung für Ärzte, Pflegende, HospizbegleiterInnen und Interessierte

Workshop 4: Pfarrerin Dagmar Spelsberg-Sühling
Lebenspanorama: Lebenssinn
Die TeilnehmerInnen sind nach einer Tiefenentspannung eingeladen, in einem inneren Erleben ähnlich einer Phantasiereise in die einzelnen Phasen ihres Lebens rückwärts und vorwärts hinein zu spüren, Sinnhaftes und Sinngebendes wahrzunehmen und noch ausstehende Themen zu erfühlen. Das Erlebte wird danach bildhaft festgehalten. Anschließend werden die Erfahrungen geteilt.

Workshop 5: Franz-Josef Plesker
Warum das 5. Gebot in dieser Frage nicht weiterhilft – Die Begrenztheit paränetischer Rede und deontologischer Normen
Verschiedentlich wird das 5. Gebot auch übersetzt mit „Du sollst nicht morden!“, um deutlich zu machen, dass damit gemeint ist: „Du sollst dann nicht töten, wenn es nicht erlaubt ist.“ Damit wird das Gebot aber nicht zur Unterscheidungshilfe, weil es geklärt werden müsste, wann es denn erlaubt ist. Die katholische Moral hat es so gedeutet, dass unschuldiges Leben nie aktiv getötet werden darf, weil Gott der Herr über Leben und Tod ist. Aber hilft diese Einstellung wirklich weiter? Oder muss vielmehr auf die Folgen des Handelns geschaut werden?

Workshop 6: Ambulanter Paritätischer Hospizdienst Ahaus, Claudia Schwanekamp und Timo Plaß
Leben, Sterben, Abschied nehmen – Impulse aus der Hospizarbeit“
Die Themen Sterben, Tod und Trauer erleben aktuell wesentliche Veränderungen. Die zunehmende Individualisierung der Gesellschaft führt nicht nur zu immer persönlicheren Ritualen der Trauer und Bestattung, vielmehr rückt auch die Frage nach einem selbstbestimmten Sterben ins Zentrum der Diskussion. Das Bedürfnis, sein Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten, umfasst für immer mehr Menschen auch den Sterbeprozess. Wann und wie will ich sterben?

In diesem Workshop berichten die beiden Referenten Claudia Schwanekamp und Timo Plaß von ihren Erfahrungen in der Sterbe- und Trauerbegleitung: was erleben sie in ihrer täglichen Arbeit und mit welcher Haltung begegnen sie den immer wieder besonderen Momenten und Situationen. Anschließend findet ein offener Austausch mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern statt.

Anmeldung:
Ev. Kirchenkreis Steinfurt-Coesfeld-Borken, Bohlenstiege 34, 48565 Steinfurt
Dr. Esther Brünenberg-Bußwolder, esther.bruenenberg@ekvw.de, 0175/21 80 681
oder:
Kath. Bildungswerk Kreis Borken, Johanniterstr. 40-42, 46325 Borken
kbw-borken@bistum-muenster.de, 02861/80 40 920

Zeitraum: Sa, 23.01.2021, 1-mal Termin
Uhrzeit: 9:00 Uhr - 17:00 Uhr
Ort: Ahaus; Markt; Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt
Gebühr: 55,00 Euro
Leitung: Dr. Esther Brünenberg-Bußwolder, Franz-Josef Plesker
Kursnummer: U1422A001
Terminliste: 
  • Samstag, 23.01.2021, 09:00 Uhr bis 17:00 Uhr
    Ahaus; Markt; Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt
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